Unterwegs in Guatemala

Indianermarkt in Chichicastenango

Märkte spielen seit ältesten Zeiten eine zentrale Rolle im wirtschaftlichen und kulturellen Leben. An den Markttagen verwandeln sich verschlafene Dörfer und Kleinstädte noch heute in Zentren, die von tausenden Menschen aus umliegenden Ortschaften aufgesucht werden. Dabei liegt es tief im Dunkel der Geschichte begründet, warum bestimmte, scheinbar unbedeutende Orte noch heute als zentrale Märkte fungieren, andere hingegen nicht.

Ein markantes Beispiel hierfür ist der kleine Ort Chichicastenango, auf über 2.000 m Höhe im guatemaltekischen Hochland gelegen. Hier leben vielleicht 6.000 Menschen, die meisten Ladinos.
 

Wo kein Markt stattfindet, sind die Straßen und Gassen leer. Blick in die Umgebung.


Schon in alten Zeiten pflegten die Cakchiquel hier einen ihrer Märkte abzuhalten. Der Ort hieß damals Chaviar. Infolge kriegerischer Konflikte mit den Quiché verließen die Cakchiquel gegen 1480 den Ort und zogen sich in die Umgebung von Iximché zurück, wo sich noch heute die Ruinen ihrer alten Hauptstadt befinden. Als die Spanier 1524 in das Land einfielen und Utatlán, die Hauptstadt der Quiché, zerstörten, zogen viele Quiché in die Nähe des verlassenen Ortes und besiedelten die Stelle neu. Die Ortsnamen Tziguan Tinamit ("Von Tälern umgeben") bzw. Chuguilá ("Ort der Nesseln") stammen aus dieser Zeit und wurden von den Spaniern in den heutigen Namen Chichicastenango (in "Guate" kurz "Chichi" genannt) verwandelt.

Auf der Plattform eines alten Tempels errichteten die Spanier 1540 die Kirche Santo Tomás, die im 18. Jahrhundert erneuert wurde. Die Treppen, die zur Kirche hochführen, sind noch als vorspanisch erkennbar. An den Markttagen wird hier wie in ältesten Tagen Kopal-Harz verbrannt, dessen Rauchschwaden den Haupteingang der Kirche verhüllen. Eine mystische Szene, die die Verknüpfungen zwischen längst versunkenen Traditionen und dem katholischen Glauben erahnen lässt.
 

Altes Foto:
Kirche Santo Tomás um 1950
 
Altes Foto:
Auf den Stufen vor der Kirche Santo Tomás, 1950.
Altes Foto:
Kirche Santo Tomás um 195
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Der verschlafenen Ort verwandelt sich donnerstags und sonntags in ein buntes Markttreiben. Schon am Abend vorher bauen die Händler ihre Stände auf. Vor allem Frauen sind es, die dann von allen Seiten auf den Markt strömen: Dicke Packen auf dem Rücken oder Kopf und mitunter kleine Schweinchen an der Hand, die mit um den Bauch gebundenen Stricken aufgeregt dem Markt zustreben. 
 

Man geht zu Fuß zum Markt ... ... oder man fährt mit einem der zahlreichen ehemaligen USA-Schulbusse.

 
In den Straßen von Chichi geht es eng zu.
 
 

Die engen Straßen des Ortes werden von Lieferwagen, auf die hierzulande jedes Automobilmuseum stolz wäre, und den farbenfroh bemalten Bussen, den Hauptverkehrsmitteln in Guatemala, verstopft. Riesige Pakete sind auf den Dächern der Busse festgezurrt. Schätzungsweise 1.000 Händler und ein Mehrfaches an Einkäufern und Besuchern kommen an den Markttagen nach Chichi.
 

Vor der Kirche Santo Tomás wird Kopal-Harz verbrannt.

   

In langen Reihen sind die Stände aufgebaut, manche überdacht, viele mit Plastikplanen gegen Regen und Sonne geschützt. Praktisch alles, was irgend wo in Guatemala produziert wird, findet sich hier im Angebot. Dabei nehmen landwirtschaftliche Produkte wie Getreide, Früchte und Fleisch einen nur geringen teil des Marktes ein. Zahlreiche Stände bieten handwerkliche Erzeugnisse an, insbesondere Webarbeiten wie Decken und Kleidungsstücke mit schönen Stickereien. Keramiken und Holzschnitzereien sind zu erwähnen, und vieles mehr.

Markttreiben.

   

Auffällig ist die Ruhe auf dem Markt. Fern jeder Marktschreierei werden die Produkte leise, fast flüsternd und mehr mit Gesten als mit Worten angepriesen.

Übrigens ist der Besuch des Marktes erst seit einigen Jahren gefahrlos möglich. Noch in den 1980er Jahren war die Region Schauplatz von Guerillaaktionen und insbesondere von gewalttätigen Repressalien der damaligen Militärregierung Guatemalas gegen die ansässige Indianerbevölkerung, die der (wohl nicht ganz unberechtigten) Sympathie und Unterstützung für die Rebellen bezichtigt wurden.

 


Fotos und Text: R. Oeser (1999)


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