Erholungsgebiet und Schauplatz aztekischer Geschichte in Mexiko-Stadt

Der Park von Chapultepec im Süden der Stadt Mexiko

Der Park von Chapultepec, ungefähr 3 Kilometer südwestlich des Zócalo, des zentralen Platzes der Stadt Mexiko gelegen, ist heute ein Naherholungsgebiet und Standort mehrerer Museen, von denen das Anthropologische Museum das bedeutendste ist. Hier finden sich direkt neben dem lärmenden Verkehr und dem Dunst der umweltbelastenden riesigen Stadt ein ausgedehntes Gelände, in dem sich Grünflächen mit schönen alten Baumbeständen, Gewässer mit Gondelmöglichkeiten sowie Museen und sportliche Einrichtungen abwechseln.

„Der Platz ist überaus lieblich", schwärmte schon seinerzeit Alexander von Humboldt, „die Vegetation sehr schön. Den Hügel umstehen prachtvolle Zypressen, die so alt wie die Welt scheinen. Viele haben 12 bis 14 Fuß Durchmesser, bei etlichen habe ich bis zu 48 Fuß Umfang gemessen. ... Um die Zypressen schöne Pfefferbäume."

Dabei ist Chapultepec, der „Heuschrecken-Hügel", wie das alte Aztekenwort übersetzt heißt, ein historischer Ort, der für die alten Azteken bedeutsam war. Zum einen war der Chapultepec ein alter Wohnort der Azteken, zum anderen bezogen sie bis zur spanischen Eroberung von dort ihr Trinkwasser.

Bei aller Unsicherheit der Datierung der frühen Aztekenwanderungen scheint es kurz vor 1300 u. Z. gewesen zu sein, als sie im mexikanischen Hochtal angekommen sind und sich am felsigen Hügel Chapultepec, direkt am damaligen Ufer des Texcoco-Sees niederließen. In den rund 20 Jahren, die sie damals hier lebten, machten sie sich sich mit anderen schon länger am See lebenden Völkern bekannt, wobei diese Kontakte oft genug kriegerischer Art waren. Sie zogen schließlich vom Chapultepec weg, um sich nach jahrelangen Wirren und Wanderungen etwa 1345 auf einer Insel im See niederzulassen, wo sie ihre Stadt Tenochtitlán gründeten und ausbauten, den Vorläufer der heutigen Stadt Mexiko. Das ursprüngliche Nomadenvolk war in diesen Jahrzehnten den zivilisatorischen Einwirkungen durch Nachbarn ausgesetzt gewesen, die schon vorher eine kulturelle und gesellschaftliche Höherentwicklung erfahren hatten.

Da sich das Wasser des Texcoco-Sees praktisch nicht zum Trinken eignete, waren die Azteken, die 2 - 3 Kilometer vom äußeren Seeufer entfernt auf der Insel lebten, auf eine Wasserzufuhr von außen angewiesen. Mit dem Erstarken der militärischen Kraft der Azteken zu Anfang des 15. Jahrhunderts war es möglich, mehrere Deiche zum Ufer zu bauen, um auf diese Weise die Hauptstadt komfortabel mit anderen Nachbarstädten und späteren Vasallen zu verbinden.

In diesem Zusammenhang soll König Netzahualcoyotl von Texcoco, einer verbündeten Stadt, Moctezuma I. (nicht mit jenem zu verwechseln, der später die Spanier begrüßte) den Bau einer 5 Kilometer langen Wasserleitung vom Chapultepec in das Zentrum Tenochtitláns vorgeschlagen haben. Ungefähr 1450 wurde der Vorschlag dann verwirklicht und die Wasserleitung blieb bis 1521 in Betrieb.

Die Wasserleitung führte vom Chapultepec zunächst auf einem separaten Damm, der der heutigen Straße Melchor Ocampo entspricht, nach Norden, bis sie auf den Damm stieß, der Tenochtitlán mit der Stadt Tlacopán, dem heutigen Stadtteil Tacuba, verband. Dort bog die Leitung nach rechts ab und folgte der breiten Dammstraße in die Hauptstadt bis ins Zentrum. Bezogen auf den heutigen Stadtplan, handelt es sich hierbei um die Puente de Alvarado und die Avenida Hidalgo, die nördlich des Alameda-Parks das Zentrum erreicht. Hier fährt heute auch die Metro entlang, die mexikanische U-Bahn.

Der einstige Soldat und spätere Chronist Bernal Diaz del Castillo erinnerte sich an das Jahr 1519 zurück: „Wir sahen die große Wasserleitung, die von Chapultepec kommt und die ganze Stadt mit süßem Wasser versorgt ..."

Auch Hernán Cortés fand es wert, über die Wasserleitung an den spanischen König zu berichten: „An einem der in die Stadt führenden Dämme laufen zwei Röhren aus Mörtelwerk entlang, jede etwa zwei Schritte breit und eine Mannslänge hoch. Durch eine der Röhren kommt ein Strom guten, süßen Wassers bis mitten in die Stadt, und alle nehmen davon und trinken es. Die andere Röhre wird nur benutzt, wenn die erste gereinigt werden muss. Man fährt in Booten Wasser zum Verkauf durch alle Straßen. Wo das Wasser ausgegeben wird, sind Wächter angestellt, die eine Abgabe einnehmen."

Als sich die Spanier 1521 anschickten, die Hauptstadt der Azteken zu erobern, hielt es Cortés für notwendig, als eine der ersten Maßnahmen der Belagerung die Wasserversorgung der Stadt zu stören. Er schrieb später: „Am nächsten Tag beschlossen die beiden Hauptleute (Pedro de Alvarado und Christóbal de Olid), gemäß meinen Anweisungen die Süßwasserleitung nach Mexiko zu zerschneiden. Der Eine machte sich in Begleitung von zwanzig Reitern und einigen Büchsen- und Armbrustschützen auf die Suche nach der Quelle dieses Brunnens, der eine viertel Meile von Tacuba entfernt lag, und zerschnitt und zertrümmerte die Wasserleitung aus Holz und Mauerwerk; hierbei hatte er die Mexikaner abzuwehren, die ihn zu Wasser und zu Lande angriffen. Er schlug sie in die Flucht und erreichte also seinen Zweck, wodurch er ihnen einen großen Schaden zufügte."

Bernal Diaz del Castillo befand sich damals bei jenem Kommando, das die Leitung zerstören sollte. Er berichtet, es sei ein Sonntag gewesen, was nur auf den 19. Mai 1521 zutreffen kann: „Pater Juan Diaz las die Messe, wir empfahlen uns dem Schutz des Allmächtigen, erst dann setzten sich beide Divisionen zusammen in Marsch nach Chapultepec, das eine halbe Stunde von Tlacopan entfernt war. Wir wollten dort die Leitung unterbrechen, die Mexiko mit Wasser versah. Die Mexikaner hatten erfahren, dass wir sie hier zuerst angreifen würden, und empfingen uns in dichten Scharen. Sie hatten alle Vorteile des Geländes für sich und konnten uns deshalb mit Wurfspießen, Pfeilschüssen und Schleuderwürfen schwer zusetzen. Gleich zu Anfang wurden drei unserer Männer verwundet. Wir schlugen die Feinde aber trotzdem bald in die Flucht. Unsere Freunde aus Tlaxcala verfolgten sie sehr nachhaltig, töteten mindestens zwanzig Mexikaner und brachten sieben oder acht Gefangene ein. Wir zerschlugen die Röhren der Wasserleitung ohne weitere Störung in aller Ruhe so gründlich, dass die große Stadt für die Dauer des ganzen Krieges kein Wasser mehr aus dieser Leitung schöpfen konnte."

Bemerkenswert ist die geringe Zahl an Verlusten auf Seiten der Azteken, die Bernal Diaz erwähnt. Es mag den Azteken zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar gewesen sein, welche strategische Bedeutung der Schutz der Wasserleitung für die Verteidigung der Stadt hatte, sonst wäre den Spaniern die Zerstörung sicher schwerer gemacht worden.

In den Jahrzehnten nach der Eroberung der Stadt zerstörten die Spanier in mehrfachen Aktionen am Chapultepec nach und nach alle Zeugnisse, die an die Azteken erinnerten. So fiel ein dortiger Tempel schon bald nach der Niederlage der Azteken der Zerstörung zum Opfer, während verschiedene größere Reliefs an den Felsen noch bis ins 18. Jahrhundert überdauerten. Erst 1706 und 1754 sollen auf vizeköniglichen Befehl Reliefs von Axayacatl und Moctezuma zerschlagen worden sein.


Text und Abbildungen: R. Oeser

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