Archäologische Zone am Südrand der mexikanischen Hauptstadt

Die Rundpyramide von Cuicuilco im Hochtal von Mexiko

„Viel Galle hat der Xitli in seiner Wut gegen den Promethidenbau von nebenan gespien, - nicht weniger als zehn Meter dick ist das Lavafeld rings um die Pyramide. Aber sie stand auf einem Hügel, der sieben Meter hoch war, und so vermochte der Vulkan die Pyramide kaum bis zur Kniehöhe zu verschütten. Vielleicht hätten die Einwohner ihren Tempel von dieser Fußfessel lösen können, - wenn es noch Einwohner gegeben hätte. Es gab sie nicht mehr. Sie lagen unter der zehn Meter dicken Grabplatte. Wohl waren manche zur steinernen Mutter geflüchtet, hatten versucht, ihren Leib emporzuklimmen, aber tödlich drangen der Hauch des Schwefels und der Qualm des schmelzenden Gesteins hoch über die Kegelspitze hinaus. Hätte jemand da oben das Ende des Feuerregens überlebt, so wäre er nachher verhungert und verdurstet, denn durch das schäumende Lavameer konnte kein Helfer nahen."
Egon Erwin Kisch, Entdeckungen in Mexiko

Die Pyramide von Cuicuilco

Das archäologische Gelände von Cuicuilco befindet sich etwa 15 km südlich des Zócalo, des Hauptplatzes der Stadt Mexiko. Dort breitet sich ein über 8.000 Hektar großes Lavafeld namens „El Pedregal" aus, wo in den 1960er Jahren das Olympische Dorf errichtet wurde. Mit der U-Bahn und einer anschließenden kurzen Taxifahrt ist Cuicuilco, wo sich das älteste Bauwerk Mexikos (oder wenigstens des Hochtals) befindet, leicht zu erreichen. Der Name Cuicuilco bedeutet in der Náhuatl-Sprache „Ort des Gesanges und des Tanzes", doch mag es sein, dass die Stelle vor rund 2.000 Jahren ganz anders genannt wurde.

 
Blick über die Archäologische Zone zur Pyramide

Die Frühzeit

Die Anfänge von Cuicuilco reichen in das 3. Jahrtausend v.u.Z. zurück. Jedenfalls deuten Funde von sogenannter Tlalpan-Keramik, die auf etwa 2.300 v.u.Z. datiert wird, auf ein entsprechend hohes Alter hin. Obgleich Cuicuilco zeitgleich mit der sogenannten Olmeken-Kultur bestand, wurden keine Materialien dieser alten Kultur in Cuicuilco gefunden. Der Ort scheint lange Zeit nicht sehr bedeutend gewesen zu sein und die Keramik von Cuicuilco sowie dem benachbarten Copilco, das möglicherweise noch älter war, reichte qualitativ längst nicht an den gleichfalls im mexikanischen Hochtal beheimateten Fundkomplex von Tlatilco heran. Die hiesigen Keramiken waren ihrem Charakter nach derb, bäuerlich und kräftig. Man hat Gefäße und kleine Frauenstatuetten gefunden und es muss nicht besonders betont werden, dass es sich bei diesen Leuten um Ackerbauern handelte.

Die Blütezeit

Das Zentrum der Siedlung, von der wir jedoch praktisch nichts Genaues wissen, bildete ein Hügel aus Erde und Lehm, den man etwa 700 v.u.Z., möglicherweise auch 1-2 Jahrhunderte vorher mit Steinen zu verkleiden begann. Diese Maßnahme markiert den Aufstieg Cuicuilcos zum beherrschenden kultischen Zentrum im mexikanischen Hochtal. Cuicuilco trat damit die Nachfolge von Tlatilco an, das zum gleichen Zeitpunkt unterging. Die Ursachen für jenen raschen kulturellen Niedergang Tlatilcos und das entstehen eines „Vakuums", das Cuicuilco ausfüllen konnte, sind unbekannt. Es mögen fremde, feindliche Stämme eine Rolle gespielt haben, die in das Gebiet einwanderten. Vielleicht war der Ort aber auch nur in zunehmendem Maße hochwassergefährdet, da er sich in der Nähe des Texcoco-Sees befand. Was immer auch der auslösende Faktor war, Cuicuilco wurde wichtigstes Zentrum in der Umgebung der heutigen Stadt Mexiko.

Die Anlage

Die Größe und Gliederung des Zentrums von Cuicuilco ist schwer einzuschätzen, da sich der größte Teil heute unter einer mehrere Meter starken Lavadecke befindet. Es gibt Schätzungen, wonach hier möglicherweise 20.000 Menschen gelebt haben mögen, doch ist diese Zahl angesichts des zu geringen Umfangs der bisher erfolgten Ausgrabungen nicht sehr zuverlässig abgesichert.

Neben der Hauptpyramide wurden Reste einer möglicherweise älteren Pyramide gefunden. Es gibt auch Reste eines mit Flusssteinen belegten Altars sowie eine Art Kammer, die mit Steinplatten ausgekleidet worden war. Um die bescheidenen Reste roter Bemalung zu schützen, haben die Archäologen über der heute oben offenen Kammer, die sich direkt neben der Hauptpyramide befindet, ein einfaches Schutzdach errichtet.

 
Auf dem Foto sind die Reste der Bemalung leider kaum noch zu sehen

Auf der anderen Seite der Schnellstraße (Av. Insurgentes Sur), die sich direkt neben der archäologischen Zone befindet, wurden 1967/68 einige weitere Gebäudereste freigelegt. Es deutete sich ein schachbrettartiges Stadtmuster an, jedoch sind alle diese Funde, abgesehen von der bemerkenswerten Hauptpyramide, wenig spektakulär und erlauben keine präzisen Aussagen zur Anlage des Kultzentrums.

Die Hauptpyramide

Die kegelstumpfförmige Pyramide von Cuicuilco, über Jahrhunderte von Kakteen und Gras bewachsen, ist lange Zeit als natürlicher Hügel in der öden Lavalandschaft des Pedregal angesehen worden. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts begannen Freilegungsarbeiten an der als Menschenwerk erkannten Pyramide, doch brachten der desolate Zustand der Außenhülle sowie die extremen Bodenverhältnisse erhebliche Zerstörungen des Bauwerks mit sich. Die heutige Rekonstruktion vermittelt daher einen gewissen Eindruck von der Größe und der Kubatur der Pyramide, ist aber nicht sehr authentisch.

Ursprünglich, vielleicht 700 v.u.Z. oder früher wurde hier aus Lehm eine zweistufige Pyramide als Unterbau für einen darauf erbauten Tempel aus vergänglichem Material errichtet. Das für mexikanische Verhältnisse hohe Alter dieser Architektur wird auch durch die runde Grundform dokumentiert, denn erst später setzten sich in Mesoamerika Stufenpyramiden mit vier geraden Seiten allgemein durch.

 
Grundriss und Schnitte der Pyramide

Der Erdhügel in Form zweier aufeinandergesetzter Kegelstümpfe wurde später mit Steinen verkleidet und in einer 2. Bauphase überbaut und um zwei weitere Stufen erweitert. Das mag im 4. Jahrhundert v.u.Z. gewesen sein. Im Westen wurde eine sachte schräge Rampe angebracht, über die man noch heute bequem auf die Pyramide steigen kann, während von der damals im Osten angebauten Treppe, deren Spuren die Archäologen gefunden haben, eigentlich nichts konkretes mehr zu sehen ist.

 
Eine Rampe führt auf die Pyramide hinauf

Die damalige Größe des Bauwerks wird bei einer Höhe von knapp 30 Metern etwa 135 Meter im Durchmesser betragen haben.

Heute sind die Maße der Pyramide, bedingt durch die Erosion und die rabiate Rekonstruktion zu Anfang des 20. Jahrhunderts etwas kleiner als vor reichlich 2.000 Jahren. Bei einer Höhe von 18 Metern beträgt der Durchmesser an der Basis noch etwa 120 Meter. Das Bauwerk wirkt außerdem optisch etwas niedriger, da man sich als Betrachter auf dem mehrere Meter hohen erstarrten Lavafeld befindet, während die Höhe vom Pyramidenfuß aus gerechnet wird. Die Archäologen haben die Pyramide an einer Seite vollständig freigelegt und die Lavamassen aus der unmittelbaren Umgebung entfernt, so dass sich um das Bauwerk heute stellenweise ein breiter Graben zieht. Bei den Ausgrabungsarbeiten wurden auch etliche mit Beigaben gut ausgestattete Gräber gefunden, wobei man die Bestatteten im Umkreis der Pyramide in Richtung des Mittelpunktes sternförmig ausgerichtet hat. Mag sein, dass es ein Privileg der Vornehmeren unter der damaligen Bevölkerung war, hier unmittelbar im Umkreis der Hauptpyramide bestattet zu werden.

 
Das etwa 8 m dicke Lavafeld "Pedregal" erweckt den Eindruck, als sei die Pyramide von einem Graben umgeben

Was die Form des Tempels betrifft, der das Bauwerk krönte, gibt es unterschiedliche Meinungen, aber keinerlei Anhaltspunkte hinsichtlich der Frage, ob der Tempel nun gleichfalls rund oder etwa viereckig war. Heute befindet sich an der Stelle des ehemaligen Tempels eine Grube, in der archäologische Untersuchungen stattfinden.

 
Auf der oberen Plattform finden archäologische Untersuchungen statt

Der Untergang Cuicuilcos

Das Ende ist unklar. Der Untergang von Cuicuilco steht jedenfalls in engem Zusammenhang mit Ausbrüchen des kleinen Vulkans Xitle in der Sierra de Ajusco. Der erste Ausbruch des Vulkans scheint im 1. Jahrhundert u.Z. erfolgt zu sein, doch datieren insbesondere ältere Quellen des Ereignis um einige Jahrhunderte vor oder auch zurück. Es gibt jedoch keine Funde, die einen Übergang von der Präklassik zu den klassischen Kulturen andeuten, was einen Untergang um die Zeitenwende wahrscheinlich macht.

Damals wurde ein erheblicher Teil der Anbauflächen in der Umgebung Cuicuilcos verschüttet und der Untergang des Zentrums besiegelt, wenngleich es noch nicht unmittelbar von dem Vulkanausbruch betroffen war. Anscheinend erfolgte etwa 100 Jahre nach diesem Ereignis ein weiterer Vulkanausbruch des Xitle, der dieses mal das Stadtgebiet Cuicuilcos mit einer 6-8 Meter dicken Lavaschicht bedeckte.

Was aus den Bewohnern wurde ist unklar und umstritten. Im Gegensatz zur etwas polemischen Katastrophenschilderung Kischs, die wir oben gelesen haben, sind viele Forscher der Meinung, dass der Ort zu diesem Zeitpunkt von seinen Bewohnern bereits verlassen und verödet war. Auch das in der Nähe (etwa 4 Kilometer nördlich) gelegene Copilco verödete in jener Zeit.

Vermutlich hat es kurz nach der Zeitenwende umfangreiche Völkerbewegungen gegeben, denn manche Stätten wurden verlassen, während sich anderswo die Bevölkerung vervielfachte. Das betraf insbesondere Cholula und Teotihuacan, die damals an Bedeutung gewannen.

Die genauen Abläufe und Ereignisse beim völligen Niedergang des über Jahrhunderte bedeutenden Kulturzentrums Cuicuilco werden sich wahrscheinlich niemals ganz aufhellen lassen.

 
In der Archäologischen Zone kann sich in unmittelbarer Umgebung der Pyramide eine interessante Vegetation ausbreiten


Text und Fotos: R. Oeser, 1998

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