Ein geschichtsträchtiger Stadtteil von Mexico D.F.:

Tlatelolco

Die älteste Geschichte von Tlatelolco liegt ein wenig im Dunkeln
Abb. 1:
Übersichtsplan des Hochtals von Mexiko
mit dem Tezcoco-See

Die Azteken, damals noch ein unbedeutender Volksstamm ließen sich angeblich 1256 (oder war es schon 1248 oder erst 1299?) in Chapultepec am See von Tezcoco nieder (im heutigen Stadtgebiet von Mexico D.F. gelegen). Bereits 1260 soll sich auf der Insel, wo sich später Tenochtitlán ausbreitete, die von ihnen bewohnte Siedlung Tlatelolco befunden haben. Tatsächlich deuten archäologische Funde, insbesondere von Keramiken, auf diese Möglichkeit hin. Ein Faltblatt des Berliner Museums für Völkerkunde weiß, dass sich die Azteken um 1300 auf Inseln im Tezcoco-See zurückzogen, wo sie sich in Nachbarschaft der Stadt Tlatelolco ansiedelten, die es damals offensichtlich schon gegeben haben soll. Die Gründung Tenochtitláns wird hier in das Jahr 1370 verlegt, was recht spät, indes möglich ist.

Die Erwähnung von Tlatelolco als dem älteren Stadtteil des späteren Mexiko-Tenochtitláns paßt allerdings nicht so recht mit der glaubwürdigen Geschichte zusammen, dass, aufgrund von Landstreitigkeiten oder aus welchen Gründen auch immer, 12 oder 13 Jahre (das Jahr 1358 wird gern gehandelt) nach der Gründung Tenochtitláns eine Gruppe von Azteken sich abspaltete und sich auf der Insel Tlatelolco (="Hügel aus Erde"; abgeleitet von „tlatelli" = "Erdaufschüttung"), vorher Zatelolco (="Hügel aus Sand") genannt, niederließ. Sie verwandelten ihren Ort recht bald in einen bedeutenden Marktplatz.

 
Abb. 2:
Glyphe, die zur Bezeichnung von Tlatelolco verwendet wurde

Da die nach Tlatelolco umgezogenen Azteken kein politisch anerkanntes Gemeindeoberhaupt hatten, wandten sie sich an Azcapotzalco und baten um einen König. Tezozomoc, der dortige Herrscher schickte daraufhin seinen Sohn Caucaupitzahuac (auch Cuacuauhpitzahuac, der in Tlatelolco König wurde. Auf diese Weise bemühten sich die Azteken von Tlatelolco um ihre Eingliederung in das politische Gefüge am Tezcoco-See.

Man muss wissen, dass die später so mächtigen und gefürchteten Azteken von Tenochtitlán zu dieser Zeit noch brav ihren Tribut an die Tepanekenherrscher im benachbarten Azcapotzalco entrichteten. (Heute ist Azcapotzalco ein Stadtteil von Mexico D.F. und nichts erinnert mehr an die einstige Vormachtstellung.)

1473 eroberten die Azteken von Tenochtitlán ihre Schwesterstadt Tlatelolco
 
Abb. 3:
Übersichtsplan (veraltete Darstellung) der Stadt Tenochtitlán mit dem nördlichen Stadtteil Tlatelolco (1519)

 

Unter der Herrschaft des Aztekenkönigs Axayacatl (="Wassergesicht"; 1469-81 oder 1469-83) fiel Tlatelolco im Jahr 1473 endgültig unter die Oberherrschaft des benachbarten Mexiko-Tenochtitlán.

Ursache der Auseinandersetzung könnte gewesen sein, dass die Herren von Tlatelolco, die den bedeutendsten Markt der Azteken kontrollierten, nachdem sie sich an den Eroberungskämpfen der Azteken von Tenochtitlán bereichert hatten, nicht mehr länger die Dominanz von Tenochtitlán ertragen wollten. Über Jahrzehnte waren die beiden Städte sowohl Partner als auch Rivalen.

Der Anlass war jedenfalls geringfügig, will man einem alten Chronisten glauben. Danach wetteiferten beide Städte anlässlich eines Tempelbaues um die Gunst des Gottes Huitzilopochtli. Einige Frauen von Tlatelolco präsentierten anlässlich des Wettbewerbes den Leuten von Tenochtitlán ihre nackten Hinterteile und sollen jene auf diese Weise zur Kriegserklärung provoziert haben.

Diese Geschichte wird in einer Version auch noch etwas anders dargestellt: Einige Mädchen aus Tlatelolco hatten sich von einigen Männern aus Tenochtitlán ohne größeren Widerstand vergewaltigen lassen und meldeten die Tat ihren Vätern. Nach diesem Zwischenfall soll Tlatelolco zum Krieg gerüstet haben. Diese Geschichte ist aber nicht sehr glaubhaft.

Eine weitere Geschichte erzählt von der persönlichen Auseinandersetzung zwischen den Königen Moquihuix von Tlatelolco und seinem Schwager Axayacatl von Tenochtitlán. Einerseits intrigierte Moquihuix anscheinend gegen die Vorherrschaft von Tenochtitlán und suchte mit wenig Erfolg in der Umgegend nach Verbündeten, andererseits soll er seine Frau, die nicht mehr ganz jung war, gegenüber hübscheren Gespielinnen zurückgesetzt haben, weswegen deren Bruder Axayacatl sich ärgerte.

Von all dem weiß José de Acosta, der 1590 sein Geschichtswerk schrieb, offenbar nichts und stellt die Auseinandersetzung als politischen Streit um die Macht hin, wonach die Leute von Tlatelolco die Vorherrschaft derer von Tenochtitlán nicht mehr anerkennen wollten.

Die Ursachen für die Auseinandersetzung mögen also sowohl politisch-ökonomischer als auch persönlicher Art gewesen sein. Mag sein, dass die politischen Konflikte lange im Hintergrund schwelten, da der kriegerische Moctezuma I. von Tenochtitlán es sicher verstand, dem Nachbarkönig entsprechend Respekt einzuflößen. Als Moctezuma I. schließlich starb und der junge Axayacatl den Thron bestieg, mag Moquihuix machtpolitische Morgenluft gewittert haben. Jedenfalls schickte der entschlossene Axayacatl seinem Rivalen eines Tages die förmliche Kriegserklärung zu, damit sich dieser vorbereiten möge, denn Blitzkriege widersprachen dem rituellen Charakter der mexikanischen Kriegsführung.

Der Krieg war nur von kurzer Dauer. Anscheinend hatten die Männer von Tlatelolco anfangs etwas Erfolg und drangen nach Tenochtitlán vor, jedoch warf sie der erste von Axayacatl geführte Gegenschlag bis ins Zentrum Tlatelolcos zurück, wo die Krieger aus Tenochtitlán den Haupttempel stürmten und ihre Feinde kurzerhand hinunterstürzten. Axayacatl soll seinen Rivalen Moquihuix, persönlich hinuntergeworfen haben. Die tödliche Wirksamkeit des Hinunterwerfens wird deutlich, wenn man sich die Steilwandigkeit der Pyramiden dieser Zeit vor Augen führt, deren Stufen fast senkrecht geböscht waren.

Kurzzeitig wurde Tlatelolco unterdrückt und gedemütigt, aber bald ließen die Leute von Tenochtitlán die Sache auf sich beruhen. Der wirtschaftlichen Bedeutung des nunmehrigen Stadtteils haben alle diese Ereignisse jedenfalls keinen Abbruch getan.

Der Markt von Tlatelolco

Der Große Markt oder tianguez von Tlatelolco war über alle Maßen bedeutend und das wirtschaftliche Herz der Doppelstadt Tenochtitlán-Tlatelolco. Nach unterschiedlichen (übertriebenen?) Schätzungen soll er täglich (oder alle 5 Tage?) von 30.000 oder 60.000 Käufern und Verkäufern besucht worden sein. Man sieht: Die Zahlenschätzungen sind sehr unzuverlässig.

Hernán Cortés beschreibt den Markt in einem Brief an den spanischen König:
„Die Stadt hat viele öffentliche Plätze auf denen ständig Markt gehalten wird. Dann hat sie noch einen anderen Platz [nämlich den Marktplatz von Tlatelolco], so groß wie zweimal ganz Salamanca, der rundum mit Säulenhallen umgeben ist, wo sich täglich mehr als sechzigtausend Einwohner treffen, Käufer und Verkäufer von Lebensmitteln, von Kleinodien aus Gold und Silber, Blech, Messing [sicher meint Cortez hier Bronze], Knochen, Muscheln, Hummerschalen und Federn. Außerdem verkauft man behauene und unbehauene Steine, Kalk- und Ziegelsteine und Bauholz. Dort ist auch eine Jägerstraße, wo alle Vogelarten feilgehalten werden, die es im Lande gibt: Hühner, Rebhühner, Wachteln, Enten, Fliegenschneppern, Wasserhühner, Tauben, Rohrvögel, Papageien, Geier, Adler, Falken, Sperber und Weihen. Man verkauft Kaninchen, Hasen, Hirsche und kleine Hunde, die verschnitten und gemästet worden sind. Es gibt eine Gärtnerstraße, wo alle im Lande erzeugten heilkräftigen Wurzeln und Kräuter beisammen sind. Es gibt Apotheken, in denen man Arzneien verkauft, und Barbierstuben, wo die Köpfe gewaschen und geschoren werden. Es gibt Häuser, wo man für Geld essen und trinken kann. Es gibt Leute wie die, die man in Kastilien Ganapanes nennt, zum Lastentragen. Man verkauft viel Holz, Kohlen, tönerne Kohlenpfannen und Matten von verschiedener Art als Schlafmatten, ferner als feinere Sitz- und Fußdecken.

Es gibt dort alle Arten von Gartengewächsen, besonders Zwiebeln, Porree, Knoblauch, Kresse, Borretsch, Ampfer, Karden und Artischocken, dazu Früchte verschiedener Art, wie Kirschen und Pflaumen, den spanischen ähnlich. Man verkauft Bienenhonig und Wachs, Sirup aus der Maisstaude, honigartig und süß, auch den süßen Saft einer Pflanze (Agave), den man Maguey nennt. Auch steht mannigfaltiges Baumwollzeug in allen Farben zum Verkauf - man glaubt sich auf den Seidenmarkt von Granada versetzt. Man verkauft Wildhäute mit und ohne Haar, Töpferwaren aus einem besonderen Ton, die meisten glasiert [er meint wohl poliert, denn eine echte Glasur kannte man in Amerika nicht] und bemalt. Man handelt mit Mais in Körnern und Broten, mit Pasteten von Geflügel und Torten von Fischen, mit frischen Fischen, Hühnereiern und Eierkuchen.

Kurz, man verkauft auf diesen Märkten alles, was sich irgend auf der ganzen Erde findet. Ich will nicht alles aufzählen, um nicht zu weitschweifig zu sein. Jede Warengattung hat ihre besondere Straße, und es wird darin scharfe Ordnung gehalten. Alles wird nach Zahl und Maß verkauft, aber nach Gewicht bis jetzt noch nicht. Auf dem Marktplatz steht, ein schönes Haus, wo stets zehn bis zwölf Richter sitzen, die alle auf dem Markt vorkommenden Fälle entscheiden und die Verbrecher bestrafen lassen. Dann gibt es noch Ordner auf dem Markt, die unter dem Volk umhergehen und auf alles Acht geben, was verkauft wird, und auf das Maß, womit man verkauft. Manches sah ich sie zerbrechen, weil es als falsch befunden wurde. [...]

Auf allen Märkten und Plätzen der Stadt sind täglich viele Arbeitsleute zu finden, die darauf warten, dass man sie in Tagelohn verdinge. [...] Um nicht zu weitschweifig zu werden, will ich nur noch sagen, dass dieses Volk etwa dieselbe Lebensart besitzt wie in Spanien, die gleiche Zweckmäßigkeit und Ordnung."

Der Soldat Bernal Diaz del Castillo, der zur Truppe des Cortés gehörte, schrieb später ein umfangreiches Werk über die Eroberung Mexikos und schildert darin ebenfalls diesen Markt. Nachdem sich die Spanier 4 Tage (sie waren am 8. November 1519 in der Stadt angekommen) in Mexiko aufgehalten hatten, baten sie darum, die Stadt besichtigen zu dürfen.

„Wir ritten, begleitet von zahlreichen Kaziken, über den großen Marktplatz von Tlatelolco.

Dort fanden wir eine unerwartet große Menge Menschen, zahlreiche Verkaufsstände und eine ausgezeichnete Ordnungspolizei. Die Kaziken machten uns auf alle Besonderheiten aufmerksam. Jede Warengattung hatte ihre Plätze. Da gab es Gold- und Silberarbeiten, Juwelen, Stoffe aller Art, Federn, Baumwolle und Sklaven. Der Sklavenmarkt war hier genauso groß wie der Negermarkt der Portugiesen in Guinea. Damit sie nicht fliehen konnten, waren sie mit Halsbändern an lange Stangen geschnallt. Nur wenige durften frei herumgehen.

Dann kamen die Stände mit einfacheren Waren, mit grobem Zeug, mit Zwirn und Kakao zum Beispiel. Ganz Neuspanien bot hier seine Erzeugnisse an. Ich kam mir vor wie auf der großen Messe zu Hause, in meinem Geburtsort Medina del Campo, wo auch jede Ware ihre eigene Straße hat. Da gab es Sisalstoffe, Seile und Strickschuhe. Dort wurden gekochte süße Yucawurzeln und andere aus dieser Pflanze gewonnene Produkte angeboten. Es gab rohe und gegerbte Häute von Tigern [wohl Jaguaren], Löwen [sicher Pumas], Schakalen, Fischottern, Rotwild, wilden Katzen und anderen Raubtieren. Wir fanden aber auch Stände, an denen Bohnen, Salbei und vielerlei andere Gemüse und Gewürze verkauft wurden. Es gab einen besonderen Geflügel und Wildbretmarkt, einen für die Kuchenbäcker und einen für die Wursthändler. In den Ständen der Töpfer fanden wir von großen Gefäßen bis zum kleinsten Nachttopf alles. Wir gingen an Verkäufern von Honig, Honigkuchen und anderen Leckereien vorbei, an Möbel-, Holz und Kohlenhändlern. Ganze Kähne mit menschlichen Fäkalien lagen am Ufer. Die Mexikaner brauchten sie zum Gerben. Ich finde kein Ende mit dieser Aufzählung, und doch habe ich das Papier, die Röhren mit dem flüssigen Eukalyptusöl und mit dem Tabak, die wohlriechenden Salben und die Hallen mit den Sämereien noch gar nicht genannt, ganz zu schweigen von den Heilkräutern. Und nun hätte ich doch fast die Handwerker vergessen, welche die Feuersteinmesser machen, das Salz, den Fischmarkt und die Brote, die aus getrocknetem Schlamm gemacht werden, den man in den Seen fischt. Sie schmecken wie Käse. Schließlich gab es noch Instrumente aus Messing, Kupfer und Zinn, handgemalte Tassen und Krüge aus Holz, kurz so vielerlei Waren, dass mein Papier nicht ausreicht, sie alle zu nennen. Es gab übrigens auch eine Art Marktgericht mit drei Richtern und mehreren Gehilfen, die für die Warenschau verantwortlich waren."

Die Eroberung durch die Spanier

Der Stadtteil Tlatelolco wurde 1521 noch einmal in der Geschichtsschreibung beachtet, als die Stadt Tenochtitlán nach einer vorübergehenden Vertreibung der Spanier belagert, erobert und zerstört wurde.

Bekanntlich griffen die Spanier die Stadt Tenochtitlán ab Ende Mai 1521 von drei Seiten, d.h. über die Deiche an, die die Stadt mit dem festen Land verbanden. Für den Angriff von Norden, wo sich Tlatelolco befand, war eine Abteilung unter Pedro de Alvarado zuständig, unter dessen Kommando auch Bernal Diaz stand, der weiter oben bereits zitiert wurde.

Das Standlager Alvarados befand sich auf dem festen Land, so dass allmorgendlich, wenn man zum Angriff vorging, ein Weg von einer halben Stunde erforderlich war, um in die Stadt zu gelangen. Die spanische Hauptstreitmacht befand sich weiter südlich und griff das eigentliche Zentrum der Hauptstadt von Süden und Osten an. Dort kam es Mitte Juni auch zu jenem verlustreichen Angriff des Cortés, bei dem etwa 60 Spanier von den Azteken lebend gefangen und anschließend geopfert wurden.

Obgleich weiter südlich schon beträchtliche Teile der Stadt zerstört waren, trafen die Spanier in Tlatelolco weiterhin auf harten Widerstand. Bernal Diaz schreibt freilich, dass sich mit der Zeit die Reihen der Feinde lichteten und er manchmal das Gefühl hatte, sie würden im Gefecht mit den Spaniern geradezu den Tod suchen. So wurde wochenlang täglich gekämpft, ohne dass die Spanier im Norden entscheidende Vorteile erlangten. Allabendlich, wenn sie sich in die Quartiere zurückzogen, griffen die Azteken noch einmal mit letzter Kraft an. Schließlich waren die Azteken nicht mehr imstande, gelegentliche Dammdurchstiche auszuführen, um die Angreifer auf diese Weise aufzuhalten. Der entsetzliche Hunger in der Stadt und die Verluste im Kampf schwächten die Azteken zunehmend. Hingegen waren die Spanier in ihrem Lager sicher und wohlversorgt.

Etwa Mitte Juli 1521, gelang es den Spaniern, bis zum Tempelbezirk in Tlatelolco vorzudringen. Bernal Diaz schreibt:
„Unsere Division drang unter der Führung von Alvarado bis zum Hauptplatz vor. Wir trafen dort auf eine solche Menge von Mexikanern, die sich in den Tempeln verschanzt hatten, dass wir etwa zwei Stunden brauchten, bis wir uns festsetzen konnten. Da die Reiter - abgesehen von Verwundungen - hier ungehindert operieren konnten, leisteten sie uns große Hilfe. Sie stachen manchen Mexikaner mit ihren Lanzen nieder. Alle drei Kompanien standen ständig im Gefecht. Alvarado befahl dem Gutierre de Badajoz, mit seinen Leuten den großen Tempel anzugreifen. Sie schlugen sich tapfer mit den Feinden herum, vor allem mit den Priestern, die in den Häusern neben den Tempeln wohnten. Sie konnten einige der hohen Stufen des Tempels nehmen, wurden aber von der Übermacht wieder zurückgeworfen. Da befahl Alvarado den beiden anderen Kompanien, den Feind, mit dem sie gerade kämpften, stehen zu lassen und der Kompanie im Tempel zu Hilfe zu kommen. Der Feind, den wir auf diese Weise verließen, drängte zwar nach, er konnte uns aber trotzdem nicht davon abhalten, Stufe um Stufe zu nehmen. Bei Gott! das war ein saures Stück Arbeit! Es war keinesfalls leicht, diesen hohen und festen Platz zu nehmen. Es wäre viel davon zu erzählen. Viele von uns wurden schwer verwundet. Aber wir ließen nicht ab, bis wir auch die oberste Plattform des Tempels genommen hatten. Dann pflanzten wir hoch oben unsere Fahnen auf und verbrannten die Götzen. Unten aber mussten wir uns bis in die Nacht mit dem übermächtigen Feind herumschlagen. Wir konnten ihn nicht vollends überwältigen. Während wir auf diese Weise den Tempel des Kriegsgottes eroberten, stand Cortés in einem anderen Stadtteil im Kampf. Als er die Flammen und unsere Fahne auf der Spitze des Haupttempels sah, jubelte er vor Freude, und alle wären wir gern dabei gewesen. Er war nur eine Viertelstunde von uns weg. Aber zwischen ihm und uns lagen zahlreiche Kanäle und Brücken, die alle erst mit stürmender Hand genommen werden mussten."

Cortés schreibt hierzu an den spanischen König:
„Tags darauf machten wir uns gerade marschbereit, als wir gegen neun Uhr Rauchsäulen aus den Pyramiden von Tlatelolco, dem großen Marktplatz der Stadt, aufsteigen sahen; wir wussten nicht, was das zu bedeuten hatte, denn dieser Rauch war viel dicker als der von dem Weihrauch, den die Indianer gewöhnlich zu Ehren ihrer Götzen verbrennen, und wir wiegten uns in der Hoffnung, dass Alvarado bis zum Platz vorgedrungen wäre, was in der Tat der Fall war. Es ist nicht zu bezweifeln, dass an diesem Tag Pedro de Alvarado und seine Leute Wunder an Tapferkeit verrichteten, waren doch auf dieser Seite noch eine Menge Gräben und Schanzen zu erobern und verteidigten sie doch die besten Krieger der Stadt."

Jedoch mussten sich die Spanier auch an diesem Tag wieder aus der Stadt zurückziehen. Erst einige Tage später gelang es ihnen, auf der Stadtseite des Deiches ihr Lager aufzuschlagen. Ab Ende Juli folgten dann einige Tage, die wechselweise mit Kämpfen und jeweils unterbrochenen Waffenstillstandsverhandlungen verbunden waren. Die Azteken hielten nur noch einen kleinen Teil der Stadt, zu Tlatelolco gehörend, besetzt, und kapitulierten am 13. August 1521, nachdem ihr letzter Herrscher Quauhtemoc in Gefangenschaft geraten war.

Tlatelolco heute

Der Name Tlatelolco hat ohne Unterbrechung als Bezeichnung dieses Stadtteils von Mexico D.F. bis heute überlebt. Jedoch sind erst vor wenigen Jahrzehnten einige Funde aus aztekischer Zeit wieder an die Oberfläche gelangt.

Um 1960 wurde hier für 72.000 Menschen das riesige Wohngebiet Conjunto Urbano Nonoalco-Tlatelolco anstelle eines ziemlich heruntergekommnen Stadtviertels neugebaut. Bei den archäologischen Forschungen, die mit den Baumaßnahmen einhergingen, wurden die Reste des ehemaligen Zeremonialzentrums gefunden. Der Architekt Mario Pani änderte den städtebaulichen Entwurf so ab, dass hier eine große Freifläche als Mittelpunkt des neuen Stadtteils entstehen konnte. 1964 waren die Baumaßnahmen am „Platz der drei Kulturen" (Plaza de las Tres Culturas; auch Plaza Santiago de Tlatelolco) abgeschlossen. Den Name erhielt der Platz wegen des Miteinanders von indianischer, kolonialer und moderner Architektur.

 

 

 

Abb. 4: 
"Platz der drei Kulturen"

An der Plaza de las Tres Culturas

 

Abb. 5:
Plan  der aztekischen Ruinen am "Platz der drei Kulturen"

 
Neben der Hauptpyramide finden sich hier Überreste etlicher kleinerer Pyramiden, Tempel und Terrassen. Mitunter sind einige schöne Reliefs mit Kalenderzeichen als Verzierungen erhalten geblieben.

 
Abb. 6:
Kleine Bauten (Struktur R) an der Südwestecke des Zeremonialzentrums
Abb. 7:
Hier ist die sogenannte Kalenderpyramide (Struktur M) sichtbar
Abb. 8:
Blick in südwestlicher Richtung auf den sogenannten Gladiatorenstein (Altar B)

 

Die Überreste Hauptpyramide zeigt mehrere Überbauungen (mindestens 11), deren letzte, von ungefähr rechteckiger Form, eine Seitenlänge von jeweils rund 100 Metern hatte. Bemerkenswert ist hier, dass man mitunter vom Prinzip der Doppeltreppen abging und einige der Überbauungen mit einer einzigen sehr breiten Treppe ausstattete. Die große Pyramide wurde niedergerissen, um das Niveau der hochwassergefährdeten Stadt anzuheben. Dabei gerieten einige kleinere Bauwerke nahezu unbeschädigt unter den Schutt, so dass das gesamte Bauensemble heute eigentlich sehr reizvoll ist.

 

Abb. 9:
Doppeltreppe zum Haupttempel (Situation um 1440, später mehrfach überbaut)

 

Auch wurden hier und in der Umgebung des Platzes, wo jetzt Wohnhäuser stehen, verschiedene Gräberfunde gemacht. Leider wurden am südlichen Rand des Zeremonialzentrum die Reste der Quetzalcóatl-Pyramide und einer anderen Bauwerks vom Neubau eines Regierungs-Hochhauses überdeckt, so dass der Platz in seiner vollständigen Größe nicht mehr sichtbar ist.

Unmittelbar hinter dem ehemaligen Haupttempel von Tlatelolco befindet sich die barocke Kirche Santiago de Tlatelolco, die Anfang des 17. Jahrhunderts anstelle einer kleinen Kapelle von 1535 errichtet wurde. Die Kirche ist innen sehr schlicht ausgestattet und überwiegend weiß getüncht. Der Chorraum ist gleichfalls sehr schlicht und ohne Fenster gehalten. Er wurde weder verputzt noch gestrichen und zeigt die gleiche dunkelgraue Farbe des Steins, den man auch äußerlich und in Gestalt der Pyramidenfundamente sehen kann.

 

Abb. 10:
Nordseite der Kirche Santiago de Tlatelolco

 

Daneben, an die Kirche angebaut, befindet sich ein altes Klostergebäude, das ehemalige Colegio Imperial de Santa Cruz, wo unter anderem Fray Bernardino de Sahagún lehrte und sein Geschichtswerk zusammentrug. Er hat in den Jahren nach der Eroberung eine wertvolle Arbeit geleistet und uns heute in die Lage versetzt, neben leichter verständlichen historischen Bilderschriften auch die komplizierteren religiösen Bezüge zu verstehen. Er versuchte, die Söhne und Enkel adliger Azteken um sich zu versammeln und befragte sie nach Leben und Religion im alten Mexiko.

Nach der Eroberung hatten etliche adlige Azteken die Möglichkeit, sich am Kolleg von Santa Cruz in Tlatelolco weiterzubilden. Sie lernten die europäische Kultur kennen und lernten ihre Sprache, das Nahuatl, mit lateinischen Buchstaben zu schreiben. Ihre damaligen Aufzeichnungen sind heute für die Geschichtsforschung eine wertvolle Quelle. Leider haben die spanischen Kolonialherren die kulturelle Weiterentwicklung der indianischen Erbes bald unterbunden.

Zwei tragische Ereignisse aus den letzten Jahrzehnten

Am 2. Oktober 1968 demonstrierte eine Menschenmenge, insbesondere Studenten, auf dem freien Platz neben der Kirche Santiago de Tlatelolco gegen die Verschwendung von Geldern im Zusammenhang mit den Vorbereitungen für die Olympischen Spiele, während soziale Belange der Bevölkerung vernachlässigt wurden. Die Polizei ging mit Schusswaffen gegen die Menge vor und es wurden nach inoffiziellen Schätzungen 250 Menschen getötet.

 

Abb. 11:
Denkmal, das an das Massaker auf dem "Platz der 3 Kulturen" 1968 erinnert

 

Einen anderen Schicksalstag brachte das Erdbeben vom September 1985, das im Raum Mexico D.F. nach nie bestätigten Schätzungen etwa 10.000 Todesopfer forderte. Damals kippte ein hier in der Nähe stehender Wohnblock um und begrub Hunderte von Opfern unter sich. Lange standen dann viele der Gebäude leer. Wer Fotos von vor und nach dem Beben vergleicht, wird feststellen, dass einige der hohen Plattenbauten auf etwa 5 oder 6 Geschosse zurückgebaut wurden.

 
Abb. 12:
Die Wohnblocks am "Platz der drei Kulturen" vor dem Erdbeben
Abb. 13:
Eine ähnliche Perspektive nach der Rekonstruktion. Die eingestürzten Hochhäuser links hinten sind durch niedrigere Bauwerke ersetzt worden.


R. Oeser
[Abb. 4, 6-11, 13: R. Oeser; 1-3, 5, 12: Archivbilder)

Impressum