Archäologische Zone südöstlich der Hauptstadt Mexiko bei Puebla

Die Pyramide von Cholula 

Bernal Diaz del Castillo, zurückblickend auf das Jahr 1519: „Nur in Cholula habe ich einen größeren Tempel gesehen [als in der Stadt Mexiko-Tenochtitlán], zu dem die Indianer von weither Wallfahrten machten. Er hatte einhundertundzwanzig Stufen."

 
Blick von Süden auf die Pyramide und die davor liegende Archäologische Zone.

Etwa 2 Jahrhunderte vor der Zeitenwende entstand, in einem weiten Becken in der Nähe des heutigen Puebla gelegen, das religiöse Zentrum von Cholula, „der Ort des heraussprudelnden Wassers". Damals wurde hier eine Stufenpyramide errichtet, die mit etwa 120 m Seitenlänge im Quadrat und etwa 20 m Höhe etwa die Größe der im Hochtal von Mexiko bereits gebauten Rundpyramide von Cuicuilco aufwies. Das Bauwerk bestand aus Lehmziegeln. Wie auch Teotihuacán war diese erste Pyramide, der dann die späteren Überbauungen folgten, um 17 Grad in nordöstlicher Richtung orientiert.

 
Blick von Südosten auf die Pyramide.

Bereits die nächste Überbauung zeigte dann die für den mexikanischen Raum typische Talud-Tablero-Bauweise. Hier in Cholula hat man jedoch die schrägen Talud-Flächen zuungunsten der senkrechten Tablero-Bereiche vergrößert, so dass durch die veränderten Proportionen ein anderer optischer Eindruck entsteht, als in Teotihuacán. Die bald ausgeführte dritte Überbauung überdeckte mit 180 m Seitenlänge den alten Bau vollständig. Diese Überbauung ist insofern bemerkenswert, als eine für Mesoamerika ungewöhnliche Bauform gewählt wurde: 9 geböschte Absätze wurden auf allen Seiten vollständig als Treppenstufen ausgeführt. In gewissen Abständen gab es Regenwasserablaufrinnen. Es folgten dann noch weitere Überbauungen, deren Zahl insgesamt zwischen 5 und 7 angegeben wird. In der letzten Überbauungsphase hatte das Bauwerk schließlich eine Seitenlänge von etwa 350-440 Metern (die diesbezüglichen Angaben weichen ziemlich voneinander ab) und eine Höhe zwischen 60 und 70 Metern. Die Baumasse umfasste etwa 6 Millionen Tonnen Material.

Zweifellos hatte der Berg vor anderthalbtausend Jahren eine wesentlich stärkere Ausstrahlung als heute, denn die Oberfläche war strukturiert und mit Steinen befestigt. Darauf befand sich ein Stucküberzug, der wahrscheinlich bemalt war. Zumindest lässt die Freilegung etlicher Überreste von Fresken letzteren Schluss zu.

Vermutlich wurden die Baumaßnahmen an der Pyramide von Cholula nach 700 u.Z. etwa zeitgleich mit dem Untergang von Teotihuacán, etwa 100 km entfernt, eingestellt. Das bedeutet jedoch nicht die Aufgabe der Stadt, denn Cholula lag günstig an einem Handelsweg zwischen der Golfküste und dem mexikanischen Hochtal. An fundierten historischen Fakten ist über diese Zeit jedoch nichts bekannt. Das Leben der in der Stadt Cholula in der klassischen Zeit und seine religiöse Bedeutung ist schwer zu bewerten, da archäologische Untersuchungen an dieser inzwischen christlichen Wallfahrtsstätte nur bedingt möglich sind. Mit Ausnahme der Pyramide und ihrer unmittelbaren Umgebung wurde in kolonialer Zeit praktisch alles überbaut. Der bedeutende mexikanische Archäologe J. R. Acosta meint, die Stadt Cholula sei nicht wie das zeitgleiche Teotihuacán nach einem regelmäßigen Muster geplant und angelegt worden, sondern habe sich als ein Labyrinth von Plätzen und Gebäuden ausgebreitet. Mit den verschiedenen Überbauungen waren dann die der Pyramide am nächsten gelegenen Baukomplexe jeweils im Innern der Pyramide verschwunden. Übrigens stimmt nicht, dass in Cholula 365 Kirchen stehen, für jeden Tag eine, wie gern behauptet wird, aber zahlreiche Kirchenbauten sind es allemal.

Die politische Geschichte Cholulas ist gleichfalls schwierig zu aufzuzeigen. Wer ursprünglich hier wohnte und die Pyramide errichtete, ist unbekannt. Aber das muss nicht verwundern, denn das noch bedeutendere Teotihuacán, mit dem Cholula damals in enger Verbindung stand, wirft ebensolche unbeantworteten Fragen auf. Es gibt Meinungen, die die Vorfahren der später als Totonaken bekannten Bewohner der Golfküste mit diesen alten Stadtgründungen in Verbindung bringen. Aber das ist unklar. Im 7. Jahrhundert oder etwas später erschienen die sogenannten Olmeca Xicalanga (nicht mit den vorklassischen Olmeken zu verwechseln) und machten Cholula zu ihrer Hauptstadt. Sie mussten weichen, als die Tolteken-Chichimeken kamen und ihren Einfluss ausbreiteten. Nach dem Untergang der Tolteken war Cholula Zentrum einer kulturellen Entwicklung, die man Mixteca-Puebla-Kultur nennt und sich durch eine feine polychrome Keramik auszeichnet. Im 15. Jahrhundert geriet Cholula unter aztekischen Einfluss, vermochte aber, wohl aufgrund seiner Bedeutung als Wallfahrtszentrum und Handelsstadt, ein gewisses Maß an Autonomie zu bewahren.

 
Dieses aus Schutzgründen mit Glas überdeckte Grab stammt aus aztekischer Zeit.

1519 hielt sich Cortez mit seiner Mannschaft einige Wochen in Cholula auf. Dabei richteten die Spanier unter den Vornehmen der Stadt und ihren Bediensteten ein Massaker an, dem mehrere tausend Menschen zu Opfer fielen. Hintergrund war ein angebliches oder wirkliches Komplott, das die Cholulteken gegen die Spanier schmiedeten. Angesichts harter Sitten, die damals ohnehin in Mexiko herrschten, zeigten sich die Bewohner der Stadt schon nach wenigen Tagen kaum noch beeindruckt von dem Gemetzel und gingen wieder zum normalen Handelsverkehr über, wie Bernal Diaz, ein durchaus glaubwürdiger Zeitzeuge, zu berichten weiß.

Als die Spanier kamen, brach für Cholula eine neue Zeit an. Bartolomé de Las Casas erwähnt für die Stadt 30.000 Einwohner, Cortez schätzte, dass in der Stadt etwa 20.000 Häuser standen, ebenso viele im Vorstadtbereich. Freilich mag er die Zahl etwas hoch geschätzt haben. „Das ganze Land um die Stadt ist herrlich bebaut, weil dort die Erde sehr fruchtbar ist und leicht bewässert werden kann. Die Stadt ist im Grunde schöner als irgendeine in Spanien, wie sie so in einer Ebene liegt und von hohen Türmen geschmückt ist", schreibt er an den spanischen König. Es soll 400 Tempel gegeben haben, die auf mehr oder minder großen Terrassen oder Pyramiden standen. Größter Bau war freilich die als einziges heute noch erhaltene Stufenpyramide mit einem Tempel, der dem Quetzalcoatl geweiht war, dem Federschlangengott. Diese Gottheit, die uns in Mexiko vielerorts begegnet, zählte zu seinen vielfältigen Aufgaben auch eine gewisse Zuständigkeit für die Handelskaufleute. Es bot sich für eine Handelsstadt wie Cholula also geradezu an, dem Quetzalcoatl den Tempel auf der größten Stufenpyramide zu widmen.

Die Bedeutung Cholulas als Handelsplatz war schlagartig vorbei, als zwischen 1544 und 1546 die Pest einen großen Teil der Bevölkerung hinwegraffte. Nach abklingen der Seuche gewann das unweit gelegene und wenige Jahre vorher neugegründete Puebla entscheidend an Bedeutung. (Anscheinend wurde das ganze zentrale Mexiko durch diese Epidemie total umgekrempelt. Auch die bedeutende und mit Privilegien versehene Stadt Tlaxcala verlor schlagartig ihre alte Bedeutung.)

 
Auf der Pyramide steht die Kirche Nuestra Señora de los Remedios.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts lebten in Cholula kaum noch 5.000 Menschen. Bis heute hat sich diese Zahl vervielfacht und (wohl mit Eingemeindungen) gegen 40.000 erreicht, doch den alten Glanz konnte die Wallfahrtsstätte nicht zurückgewinnen.

Ähnlich ist es der Pyramide ergangen. Anfang des 16. Jahrhunderts war die Anlage schon etwas desolat. Die Anwohner nannten die Pyramide Tlachiualtepetl „künstlicher Berg", wohl weil sich schon eine dünne Humusschicht mit Gras und Buschwerk ausgebreitet hatte. Doch nun folgten derbe Eingriffe. Auf der Südseite wurde ein breiter Fahrweg aus der Pyramide herausgegraben, außerdem wurden zwei Fußwege angelegt. Im 19. Jahrhundert wurde im Zusammenhang mit Straßenbauarbeiten eine Pyramidenecke kurzerhand angeschnitten und beseitigt, wobei ein dort gefundenes Grab mit diversen Beigaben keine besondere Beachtung fand.

Die ersten archäologischen Arbeiten fanden an der Pyramide bereits 1917 statt. Intensivere Forschungen, verbunden mit Durchtunnelungen der Pyramide gab es ab 1930 unter der Leitung des Architekturhistorikers Ignacio Marquina. Das Problem bestand nicht zuletzt in der Existenz der christlichen Kirche Santa Maria de los Remedios auf der obersten Plattform des „Berges", so dass eine Durchtunnelung notwendig wurde, um verschiedenen Bauphasen auf die Spur zu kommen. Diese Gänge haben im Laufe der Zeit über 8 Kilometer Länge erreicht und können heute zumindest teilweise besichtigt werden. (In den touristisch interessanten Gängen wurde eine elektrische Beleuchtung angebracht.) Auch ohne archäologische Vorbildung lassen sich hier die verschiedenen Überbauungsphasen, Treppenfluchten usw. erkennen.

 
Verschlungene Gänge führen heute durch das Innere der Lehmziegelpyramide.

Zwischen 1966 und 1970 wurden die Arbeiten nach jahrzehntelanger Unterbrechung fortgesetzt und an der West- und Südseite gewisse Vorbauten, Treppen und Hofbereiche freigelegt. Kulturhistorisch bemerkenswerte umfangreiche Wandgemälde von Pulquetrinkern, die man zeitweise besichtigen konnte, sind inzwischen aus Schutzgründen gesperrt und wieder überdeckt worden.

 
Blick von oben auf einen Teil der archäologische Zone
Rekonstruierter Treppenaufgang.
Verschiedentlich findet man interessante Reliefs.
Skulptierte Steinplatten dienten zur Zierde oder als Altäre.

Heute zeigt sich die Pyramide von Cholula als bemerkenswerter Berg, dessen Besichtigung sich unbedingt lohnt. Kaum anderswo hat man die Möglichkeit, das Innere einer mehrfach überbauten Stufenpyramide aus eigener Anschauung kennen zu lernen, verschiedene ausgegrabene Bereiche an der Basis können besichtigt werden und nicht zuletzt hat man von der obersten Plattform der Pyramide einen herrlichen Ausblick über die Stadt und die weite Umgebung.

 
Blick von der oberen Plattform nach Westen
Blick nach Süden


Text und Fotos: R. Oeser


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